MENUMENU
Ein sehr persönlicher Rückblick auf das ÖFB-Cup-Halbfinale SV Ried vs. LASK
Was genau ist eigentlich ein Mantra? Als Religionslehrer sollte ich das eigentlich wissen. Ja, eh.
Eine Vorstellung habe ich ja davon. Aber ich bin ein moderner Religionslehrer.
Ich befrage die KI.
Also, was weiß die KI, was ich nicht weiß:
„Ein Mantra ist eine heilige Silbe, ein Wort oder ein ganzer Satz, der wiederholt gesprochen, gesungen oder im Geist rezitiert wird. Der Begriff stammt aus dem Sanskrit und (…) bedeutet (…) „Instrument des Geistes“.
Naja, das hätte ich auch in etwa so hinbekommen. Aber netterweise wird auch die Funktion mitgeliefert: „Sie (Mantras, d.A.) dienen dazu, den unruhigen Geist zu fokussieren, gewohnheitsmäßige Denkmuster zu unterbrechen und einen Zustand tiefer Ruhe oder Klarheit zu erreichen.“
Aha. Das ist gut. Bei der Wirkung lese ich noch, dass „die Klangschwingung des Mantras eine energetische Wirkung auf Körper und Geist hat“.
Ich kenn mich aus. Das freundliche Angebot der KI für mich selbst ein Mantra zu kreieren, nehme ich nicht mehr an. Genug an „künstlicher Intelligenz“.
Und außerdem habe ich mein persönliches Mantra vor einigen Tagen selbst kreiert. Ich habe es nicht gesungen, erstens weil ich nicht singen kann und zweitens, weil Gesang nicht zu jener Situation gepasst hätte, in der ich mein persönliches Mantra erschaffen habe. Als „heilige“ Silbe würde ich es auch nicht unbedingt bezeichnen, sehr wohl aber habe ich es gesprochen und es im Geist immer wieder rezitiert – vier Minuten lang – wie lange können eigentlich 240 Sekunden sein?
Es ist an der Zeit mein persönliches Mantra vorzustellen, es vor den Vorhang zu holen. Es lautete: „Bitte, nimm’s zruck!“ Für die Intellektuellen und Sprachfanatiker: „Bitte nimm es zurück!“
Wer? Was? Wer soll was zurücknehmen?
Zur Erklärung: Ich stehe im Stadion der Sportvereinigung Ried im Innkreis und sehe,
nein erleide, das Halbfinalspiel im Österreichischen Fußball-Cup SV Ried gegen LASK. 90 Minuten sind absolviert im gefühlt schlechtesten Spiel des LASK seit langer, langer Zeit – gut man vergisst schnell, im Alter und als Fußballfan sowieso – schließlich gab es Spiele, wo man weit entfernt war, solche Chancen zu haben, wie Adeniran oder Kalajdzic sie in Hälfte 1 vorfanden – aber weit entfernt von „gut“ war man definitiv. In diesem Spiel also hat Ried soeben das 2:1 erzielt. Jetzt war mein LASK definitiv meilenweit entfernt vom Cupfinale. Einige Minütchen Nachspielzeit und dann werde ich wohl wieder weinen, wie letztes Jahr nach dem Halbfinale, wie so manch anderes Mal. Zum siebten Mal in den letzten zehn Jahren steht der LASK im Halbfinale. Finale gab’s nur eines – und das corona-bedingt vor leeren Rängen gegen ein übermächtiges RB. Und jetzt wieder die Chance. Doch sie ist wieder vergeben. Wieder verloren, wieder kein Finale – und wieder ein Jahr älter ohne Titel.
Ich stehe nicht mehr, ich habe mich hingesetzt. Irgendwie dringen Worte des Stadionsprechers an mich. Zuerst seine Jubel-Durchsage, aber dann höre ich etwas, das sich für mich anhört wie „der Jack“, also „Jack“ wie „Jakob“. Kenne ich die Namen oder gar Spitznamen der Rieder? Hat also ein „Jack“ das Tor erzielt. Schön für ihn. Doch irgendwie spüre ich Unruhe um mich herum. Dann macht es Klick bei mir. Nicht ein „Jack“ hat das Tor erzielt, ein „Check“, also eine Überprüfung, soll klären, ob überhaupt ein – reguläres – Tor erzielt worden war. Ein Funke Hoffnung. Ich weiß, ich war und bin es – eigentlich – immer noch, ein Gegner des Video Assistent Referees. Gerade bei den ganz engen Entscheidungen halte ich es normal mit „Magister honoris causa“ Marko Anautovic, der 2021nach seinem aberkannten Treffer gegen den späteren Europameister Italien gesagt hat: „Das hat mit Fußball nichts mehr zu tun!“
Aber darauf kann ich jetzt keine Rücksicht nehmen. Wie sagt die KI: Ein Mantra fokussiert und unterbricht gewohnheitsmäßige Denkmuster. Ich bin jetzt fokussiert auf diese VAR-Entscheidung und die sonstigen gewohnten Denkmuster muss ich jetzt durchbrechen. Ich bewundere Karola, meine Frau, neben mir, die in diesen Minuten sagen kann, dass der VAR den Fußball und seine Emotionen zerstört. Wie recht sie hat und wie sehr ich mir trotzdem wünsche, dass der VAR jetzt den Schiedsrichter dazu bringt, das Tor zurückzunehmen.
Also, hier die Antwort auf die Fragen von vorhin: Wer? Mein Mantra richtet sich an Herrn Schiedsrichter Gishamer. Was? Das Tor soll er bitte schön zurücknehmen. Vier Minuten, 240 Sekunden – immer wieder murmle ich: „Bitte, nimm’s zruck!“ „Bitte, bitte nimm’s zruck!“
Ich schaue auf unseren Fansektor. Für einige Momente ist selbst der Dauer-Support verstummt, manche schwingen die Fahnen, aber es sind nicht viele. Das Tor hat auch dort eine Schockstarre ausgelöst. Doch rasch wird es wieder lauter – ahnen sie etwas? Jedenfalls hoffen sie. Ich weiß nicht, ob ich hoffe. Wahrscheinlich. Vor allem aber wünsche ich es mir.
Und dann die Erlösung.
Einschub:
Ich möchte das Wort „Erlösung“ nicht unbedingt verwenden. Als Theologe habe ich beinahe ein schlechtes Gewissen. Erlösung – das hat mit Gott und Jesus Christus zu tun, mit Lebensführung und Glaube. Aber als Theologe liebe ich es auch, die Religion, den Glauben mit dem konkreten Leben in Verbindung zu bringen. Und wo ist das Leben pulsierender, echter, konkreter als am Fußballplatz? Also – ich lasse das Wort „Erlösung“ stehen.
Einschub, Ende.
Und dann also die Erlösung: Er nimmt’s zruck! Danke, VAR! Auch das fällt mir schwer, nicht aus religiösen Gründen, aber weil ich ihn trotzdem nicht mag, den VAR. Aber im Hier und Jetzt, hier im Rieder Stadion, hier in den Minuten 90 – 94, wo nicht Fußball gespielt wurde, aber Fußball gezittert, ist es, wie es ist. Und wenn es den VAR schon gibt, dann muss man die Entscheidungen letztlich auch hinnehmen. Jedenfalls ist die Hoffnung zurück – und das reicht. Schwarz-Weiß ist noch da, Schwarz-Weiß kann es noch schaffen. 1:1, nicht 1.2.
1:1 also – Verlängerung. Gleich wieder der Gegner mit einer großen Chance. Aber wir haben einen Torwart, Jungwirth wunderbar. Jetzt wird es eine Spur besser. Zugegeben: Da gehört nicht wirklich viel dazu. Aber immerhin. Und: Ein bisschen geht dem verhaltensoriginellen Verein aus dem gemeinsamen Bundesland die Luft aus. Zum Glück soll mein Mantra laut KI ja eine energetische Wirkung auf Körper und Geist haben. Also singe ich auch ein wenig mit, feuere ich auch ein bisschen an – obwohl ich eigentlich viel zu nervös dafür bin. Wie macht ihr Dauer-Supporter das eigentlich? Ich bewundere das. Am Beginn der zweiten Hälfte der Verlängerung überlege ich schon, ob ich beim Elferschießen hinschauen soll oder nicht. Ich will nichts verpassen, aber ich will auch nicht sehen, wie wir zum x-ten Mal ein wichtiges Elferschießen verlieren.
Und dann passiert das Unglaubliche: Eine schöne Flanke in den Strafraum, ein Kopfball, aus meiner Sicht auf einer Linie mit der Verlängerung der Torlinie ist es schwer zu erkennen, doch der Kopfball scheint gefährlich, der Ball ist unterwegs, meine Augen weiten sich (glaube ich zumindest, dass es so gewesen sein muss), der Mund öffnet sich (glaube ich zumindest, dass es so gewesen sein muss) und der Ball ist im Tor. Später wird man das Tor als Eigentor werten – was für ein Unsinn: KACAVENDA, der LASK, WIR haben das Tor erzielt.
Die Freude weicht bei mir schnell wieder der Angst vor dem späten Ausgleich. Wer hat eigentlich jemals ernsthaft gesagt, dass der Besuch eines Fußballspiels Spaß macht? Nach dem Schlusspfiff kann der Spaß beginnen. Aber noch läuft das Match. Noch ein letzter Eckball für die Anderen. Ich entscheide mich, den Sitzplatz hinter mir auch als solchen zu verwenden und nicht aufs Spielfeld zu schauen. Vor mir haben es vier jugendliche Ried-Fans unter all den LASKlern ausgehalten – ja, auch das gibt es: Wenn sie jubeln, muss ich doch noch meine Frage nach dem Zuschauen beim Elferschießen beantworten und zwar rasch. Wenn sie nicht jubeln, könnte es das schon gewesen sein. Sie jubeln nicht – und auch Karola deutet mir „Alles gut“ – und tatsächlich folgt unmittelbar darauf der Schlusspfiff.
Der Trainer der Innviertler wird bald sagen, dass er sich für die Spielweise seiner Mannschaft nicht entschuldigen wird. Recht hat er, braucht er auch nicht. Aber ich werde mich nicht dafür entschuldigen, dass wir als an diesem Abend schlechtere Mannschaft mit Glück gewonnen haben. Später wird mir ein Freund sagen, dass ihn das Spiel an seine Tante erinnert hat, deren Lebensmotto in schwierigen Situationen war „Es gibt doch einen Herrgott und eine Gerechtigkeit!“ Schon wieder Gott im Spiel – aber auch das darf sein. Es verbindet menschliches Empfinden mit höherer Legitimation. Und auch wenn es keine Entschuldigung und keine Rechtfertigung braucht: Wir hatten in diesem Bewerb über all die Jahre hinweg so viel Pech, wir haben so oft als eigentlich bessere Mannschaft am Ende doch verloren – da darf es auch einmal umgekehrt sein. Es mag glücklich gewesen sein, aber dieses Glück haben wir uns über all die Jahre hin längst verdient. Da gelingt für einmal die Quadratur des Kreises: Entweder du gewinnst ein Spiel verdient oder du gewinnst es glücklich – entweder – oder. Entweder-oder? Nein, „und“! Wir haben dieses Spiel glücklich und verdient gewonnen.
Wir haben es uns verdient, Glück gehabt zu haben.
Nach dem Schlusspfiff begann der Spaß… – würde ich gerne erzählen. Doch das stimmt nicht so ganz. Das Feiern mit der Mannschaft, ja, es hat Spaß gemacht, das Treffen langjähriger Weggefährten – ja, es hat Spaß gemacht … aber die Drohungen und Beschimpfungen dafür, dass ich einfach nur da bin und aus Linz komme und einen schwarz-weißen Schal umgehängt habe, das machte keinen Spaß. Und andere – wie man später erfuhr – hatten auf Rieds Straßen und Parkplätzen noch weit weniger Spaß.
Sollte irgendwann ernsthaft an einer „Normalisierung“ des Verhältnisses dieser zwei Vereine gearbeitet werden sollen, dann wünsche ich mir vorweg von Ried: Wenn ihr unbedingt Beschimpfungen braucht, kommt im 21. Jahrhundert an und denkt euch welche aus, die nicht homophob sind. Und schaut und hört auf jene Fans, die ich von euch kennengelernt habe – beim Schifliegen am Kulm, ja sogar im Sektor rund um uns (sorry, dass wir eure Tribünen-Sitzplätze zu Kurven-Stehplätzen umfunktioniert haben) – auch Linzer und Rieder können freundlich und humorvoll miteinander reden! Und ich wünsche mir auch vom LASK zwei Dinge: Wenn wir schon Beschimpfungen brauchen, hören wir auf, die Mütter der zu Beschimpfenden zu beleidigen. Und von unserem emotionalen, großartigen Trainer wünsche ich mir, dass er das „nie mehr“ aus der Handschlag-Verweigerungs-Diskussion herausnimmt, überdenkt und fallen lässt. Was heute so ist, kann morgen ganz anders sein. Und dass man manchmal auch im Fußballgeschäft verzeihen und vergessen können muss, hat uns DK ja selbst mit seinem zweiten Engagement beim LASK vorgelebt.
Jetzt aber genug von den Begleiterscheinungen eines schwierigen Derbys. Damit den Text beenden – nein, das geht nicht. Das passt hinten und vorne nicht. Schade, dass der Text kein Film ist. Der würde nämlich damit enden, dass unser Sohn Christian, die Absperrungen überspringt und auf Karola und mich, seine Eltern, zuläuft und an mir hochspringt, als wäre ich dreißig Jahre jünger und hätte selbst das Siegestor erzielt.
Und dann liegen wir drei uns minutenlang in den Armen und die zwei Männer in der Dreierrunde haben Tränen in den Augen. Schöner kann es auch im Film nicht sein!
Günther Waldhör im März 2026