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30. Dezember 2019
„Ich zeige allen, dass ich kein müder Krieger bin!“
Edi Krieger, der „bescheidenste Klassekicker Österreichs“, kurz nach seinem 73. Geburtstag verstorben
Der Versuch eines ehrenden Nachrufs von Günther Waldhör
 
Wenn in den Jahren 1979 bis 1982 ein Freistoß für den LASK verhängt worden war, der auch nur einigermaßen in der Nähe des Strafraums zur Austragung kommen sollte, brandete im Linzer Stadion „Auf der Gugl“ lautstarker Jubel auf und vom damaligen Fan-Sektor 2 wurde sofort ein Name skandiert: „E-di Krie-ger, E-di Krie-ger“.
Das Vertrauen in die Künste des sympathischen Verteidigers und / oder Mittelfeldspielers am ruhenden Ball war schier grenzenlos. Einzig unserem Ivo Vastic flogen fast dreißig Jahre später ähnliche Vor-Schuss-Lorbeeren zu.
 
Vom ersten Spiel an, dass der gebürtige Wiener Eduard Krieger aus Simmering für den LASK bestritt, passte die Beziehung zwischen dem 25-fachen österreichischen Nationalteamspieler und den Schwarz-Weißen. Vielleicht kam dem Verhältnis auch entgegen, dass sich beide Teile beweisen mussten. Trotz des in der Vorsaison in überlegener Manier errungenen Aufstiegs galt der LASK vor Saisonbeginn 1979/80 als krasser Liga-Außenseiter und wurde von so manchem Experten unter die Abstiegskandidaten gereiht. Auf der anderen Seite gab es viele, für die Edi Krieger als alternder Star galt, dem man kaum mehr zutraute, einer Bundesliga-Mannschaft ausreichend helfen zu können. Nach dem missglückten Gastspiel beim holländischen Klub VVV Venlo wartete der Flankenkönig lange vergeblich auf ein Angebot. Das kam erst vom LASK als sich der etatmäßige Libero Dietmar Constantini einer Leistenoperation unterziehen musste. Dankbar verkündete Krieger vor dem Saisonauftakt, dass er es allen zeigen werde, dass er noch „kein müder Krieger“ sei. Der Motivation durchaus zuträglich war, dass es in dieser ersten Runde gleich zum Linzer Derby gegen den SK VOEST Linz kommen sollte. Auch der blau-weiße Mitbewerber hatte ein Engagement Kriegers abgelehnt. Schließlich hatte man dort mit Krieger‘s ehemaligem Nationalteam-Kollegen Willi Kreuz und mit der Neuerwerbung von Austria Wien Alberto Martinez zwei absolute Stars in seinen Reihen. Dieses 27. Stadtderby wurde dann vor 25 000 Zuschauern, die teilweise sogar auf der Laufbahn hinter dem Tor Platz nahmen, zu einem der spektakulärsten und besten Spiele in der Derby-Geschichte. Und Edi Krieger trug in der Innenverteidigung gemeinsam mit seinem kongenialen Partner Josef „Jupp“ Bläser, ebenfalls Neuerwerbung, von Aachen gekommen, viel zum 3:1-Sieg des LASK bei. Diesen Sieg bezeichnete er danach als „für mich größten Erfolg in Österreich überhaupt“ – womit er sich nicht nur spielerisch, sondern auch verbal in die Herzen der LASK-Fans dribbelte. Diese Herzen glühten gut zwei Monate später noch mehr als Krieger mit einem spektakulären Freistoß-Treffer das entscheidende Tor zum neuerlichen Derbysieg, diesmal 2:1 vor 21 000 Zuschauern, gelang.

Am Ende der Saison hatte der Aufsteiger sensationell Tabellenplatz 3 und die Qualifikation für den UEFA-Cup erreicht.
Vor allem in dieser Premieren-Saison beim LASK gelang es Eduard Franz Krieger, geboren am 16. Dezember 1946, seinen Traum zu leben. In Summe spielte der gelernte Maler und Anstreicher in drei Saisonen 97 Mal für den LASK und gelangen ihm dabei 15 Tore.
 
Seine ersten fußballerischen Träume hatte er sich zuvor schon bei seinem Herzensklub Austria Wien („Ich war immer ein Austrianer, etwas anderes wäre für mich gar nie in Frage gekommen!)[1] erfüllt, mit dem er je zweimal die Meisterschale und den Cup-Pokal errang. Noch beeindruckender liest sich sein Engagement beim belgischen Spitzenklub FC / Club Brügge. Unter seinem österreichischen Trainer-Landsmann, dem „Wödmasta“ Ernst Happel, gewann er mit den Blau-Schwarzen drei belgische Meisterschaften und einen Cuptitel. Dazu folgten zwei beinahe unglaubliche Erfolgsläufe in Europa. Brügge erreichte mit Happel und mit Krieger 1976 das UEFA-Cup-Finale (heute Europa-League) und 1978 das Finale des Landesmeister-Pokals (heute Champions-League). Kurioserweise erwies sich zweimal derselbe Finalgegner als unüberwindbare letzte Hürde. Der FC Liverpool schnappte sich beide Titel. Die dennoch erfolgreichste Zeit der Vereinsgeschichte des FC Brügge ist auf immer mit den Namen der beiden Österreicher verbunden. Das bestätigten dem Autor dieser Zeilen auch heuer zum Champions-League-Play-Off-Spiel LASK gegen Club Brügge nach Linz mitgereiste Brügge-Fans. Nicht nur der Name des unvergleichlichen Ernst Happel löste ein verklärtes Lächeln der Belgier aus, auch der Name Edi Krieger war ihnen wie selbstverständlich auch nach 40 Jahren noch ein Begriff und Gegenstand freudiger Erinnerung. Sogar eine Autogrammkarte von Edi Krieger kann man noch heute im Fanshop des Club Brügge erwerben. „De Clubfamilien verliest eene legende“ fand sich kurz nach Kriegers Ableben auf der Homepage des diesjährigen Champions-League-Starters.
Auch auf Nationalteam-Ebene erfüllte sich Edi Krieger seine sportlichen Träume. 25 Teamspiele, darunter fünf WM-Endrunden-Begegnungen schmücken seine ganz persönliche Leistungsbilanz. Höhepunkt war der legendäre 21. Juni 1978, Argentinien, Cordoba, Zwischenrunde, Gruppe A, WM-Spiel Österreich gegen Deutschland: Minute 59, Flanke Krieger – Eigentor Vogts, 1:1; Minute 66, Flanke Krieger – Tor Krankl, 2:1; Minute 88, Krieger stoppt Hansi Müller und leitet Gegenangriff ein, der über Flanke Robert Sara Krankl erreicht, der abschließt zum Tor, 3:2. Krieger – alles andere als müde! Der Rest ist österreichische Fußballgeschichte, ist ein Mythos mit wissenschaftlichen Abhandlungen, mit einer eigenen Homepage, mit Büchern, DVD‘s und Höraufnahmen, Souvenirs und und…. Sogar eine eigene Feier mit dem Herrn Bundespräsidenten Alexander van der Bellen gab es zum 40-jährigen Jubiläum. Doch wer fehlte? Der Mann, der als einziger von allen an allen drei Toren gegen Deutschland direkt oder indirekt beteiligt war – Edi Krieger, war nicht dabei. Der „bescheidenste Klassekicker Österreichs“ (© Johann Skocek) gehört nicht zu den in Österreich auch nach vier Jahrzehnten noch omnipräsenten Fußball-Helden. Er wurde gerne vergessen und er ließ sich nicht ungern vergessen. Er relativierte das große Spiel. Ja, ein Erlebnis war es schon und ein Sieg gegen die Deutschen nach so langer Zeit auch was, aber mehr… das machten alles die Medien.
 
Der größte Traum des Edi Krieger waren auch nicht Meisterschaften, Europacupfinali und WM-Siege, sondern ein eigenes Café in seinem geliebten Simmering. Nach einer ersten Krise, bei der „Freunde“ dafür gesorgt hatten, dass auch Casinos von im Fußball verdienten Geld gut leben konnten, schien sich der Traum zu erfüllen. Doch wieder vertraute Krieger den falschen Besserwissern. Nicht lange funktionierte das Projekt. Übrig blieb ein Krieger, der bei einem Freund im Gastgewerbe als Kellner Bier und Gulasch servierte. Einen weiteren bescheidenen Traum erfüllte sich Edi mit Trainertätigkeiten im Nachwuchs bei kleineren Vereinen im Wiener Unterhaus. Sein Wissen weiterzugeben, war ihm auch ohne abgeschlossene Trainer-Prüfung ein wichtiges Anliegen. Lange von einer Krankheit geplagt verstarb der großartige Mensch und Fußballer, der nun langsam, aber doch zu einem „müden Krieger“ geworden war, vier Tage nach seinem 73. Geburtstag am 20. Dezember 2019. Unserem Edi sei gewünscht, dass sich seine Träume jetzt in einer anderen, besseren Welt erfüllen mögen. Möge er an jenem Ort wo er jetzt ist, auch jene Anerkennung für sein Tun erfahren, die er verdient hat. Und möge er in der „himmlischen Bundesliga“ unsere schwarz-weißen Farben vertreten. Wie man das mit den violetten Farben in Einklang bringt, kann er ja mit Heli Köglberger besprechen. Edi Krieger, der LASK ist stolz auf dich! E-di, E-di… einmal LASKler, immer LASKler, rust in vrede!

Quellen:

Waldhör Günther
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